Diversität sorgt für einen Mix verschiedendster Sichtweisen, Meinungen und Expertisen. So entsteht ein abwechslungsreiches und spannendes Arbeitsumfeld, macht Mitarbeiter:innen zufrieden und leistungsfähig und es ist auch gut für das Image des Unternehmens. Wer Diversität in der Organisation fördern will, muss jedoch mehr tun, als Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Hintergründen einzustellen. Hier erfährst du, was du tun kannst, damit Diversität ein stabiler Erfolgsfaktor wird und bleibt.


Das für die Transformation zuständige Team hat ein riesiges Programm aufgesetzt. Es soll die Organisationskultur fit für die kommende Ära machen. Die Kommunikation darüber hat schon begonnen, alle sind hochmotiviert. Die Leiterin des Teams hat zu einem Town Hall-Meeting eingeladen, wo der CEO noch einmal die Wichtigkeit dieser Veränderung bekräftigen soll. Vor versammelter Mannschaft übergibt der CEO das Wort an die Leiterin mit den Worten: “… Ich arbeite mit Frau Müller schon seit über 10 Jahren und mittlerweile finde ich sie richtig sympathisch.” Was ist in dieser Kurzgeschichte passiert? 

Mikropolitik ist überall

In jeder Organisation gibt es Menschen, die mit kleinen Gesten der Macht eigene Interessen verfolgen. Sie formen und beeinflussen damit die sozialen Strukturen und auch die Zusammenarbeit. Es müssen keine ausgewiesen machiavellistischen Personen sein, die Mikropolitik betreiben. Sie passiert überall in der Organisation, von der Vorstandsetage bis zu den Werkstätten. Oft taucht Mikropolitik dort auf, wo viel Unklarheit herrscht. Eine fehlende Vision oder eine schwammig formulierte Strategie begünstigen eine machtpolitische Atmosphäre. Im informellen Vakuum bildet sich durch mikropolitische Aktivitäten ein informelles neues Machtzentrum.

Hinter dem Begriff Mikropolitik verbergen sich Methoden der Macht, mit denen Menschen innerhalb von Organisationen Macht aufbauen oder erhalten. Die subtilen Machtmethoden wirken oftmals unter der Wahrnehmungsschwelle. Bekannte Instrumente sind beispielsweise das Beiziehen einer hierarchischen Person, um eigene Ziele durchzusetzen; das Verbergen von wichtigen Informationen oder auch, dass jemand in der Kommunikation der Organisation abgewertet wird, wie es bei Frau Müller in unserer Geschichte passiert ist.

Mikropolitik beeinflusst Diversität

Angehörige von Minderheiten müssen sich viel mehr anstrengen als Angehörige der Mehrheit. Das kann die einzige weibliche Führungskraft in einem Ingenieurbüro mit einem deutlichen Männerüberhang sein. Es kann aber auch den afrikanisch gelesene Mitarbeiter im HR-Department betreffen.

Wer einer Minderheit angehört, erlebt in Organisationen immer wieder kränkendes und herabsetzendes Verhalten, das sich gegen race oder gender, oft auch beides, richtet. Mary Rowe vom MIT hat hierfür den Begriff der Micro-Inequities geprägt. Sie beschreibt sie als “scheinbar kleine Ereignisse, die oft flüchtig und kaum zu beweisen sind, verdeckte Geschehnisse, oft ohne Absicht, häufiger unerkannt durch den Verursacher, die immer passieren, wenn Menschen als anders wahrgenommen werden.”

Wir drücken unsere Haltung gegenüber Kolleg:innen in unzähligen kleinen Akten der Kommunikation, dem micro-messaging, aus. Jeder Kommunikationsakt ist – ob bewusst oder unbewusst – anerkennend oder herabsetzend. Das prägt die Kommunikationskultur in der Organisation. Mikro-Herabsetzungen fühlen sich so an, als wäre eine Mücke im Zimmer. Man kann mit ihr im Zimmer schlafen. Manchmal wird man von ihrem Summen wach. Ein Stich kann schmerzhaft sein und wenn es sehr viele werden, dann wird es richtig unangenehm.

Die meisten Angehörigen von Minderheiten kennen die Mücken in ihrem Zimmer. Wenn sich die Stiche häufen, verlassen Menschen, die angeblich nicht der organisationalen Norm entsprechen, das Zimmer. Außer, wenn jemand gegensteuert und den Wert Diversität schützt. Diversität profitiert von verschiedenen Sichtweisen. Sie macht eine Organisation auch tolerant gegenüber Widersprüchen. Mit jeder Person, die geht, verliert die Organisation eine Perspektive, die Ambiguitätstoleranz sinkt.

Mikro-Herabsetzungen sind subtil, aber wirksam

Mikro-Herabsetzungen passieren in der Organisation überall: in Meetings, in der Kantine und auch bei der Kaffeemaschine. Überall, wo Menschen miteinander kommunizieren. Hier sind ein paar Beispiele, die dir vielleicht sogar bekannt vorkommen:

  • Der Name der bzw. des Betroffenen wird kontinuierlich falsch ausgesprochen.
  • Die betroffene Person spricht mit jemandem, der sich mitten im Gespräch anderen Dingen wie Emails oder Smartphone zuwendet.
  • Sie wird mitten im Satz unterbrochen.
  • Jemand macht Witze auf ihre Kosten oder allgemein auf Kosten von Minderheiten, etwa sexistischer oder rassistischer Natur, andere lachen mit.
  • Eine Idee wird gelobt, obwohl dieselbe Idee, von einem Angehörigen einer Minderheit eingebracht, bereits ignoriert worden ist.
  • Jemand wird beim Begrüßen übergangen.
  • Im Meeting werden Wortmeldungen bestimmter Personen ignoriert.
  • Leistungen von Personen werden hervorgehoben und gelobt, ebenfalls wichtige Leistungen anderer werden ignoriert.
  • Während einer Präsentation schaut jemand wiederholt auf die Uhr und zeigt seine Ungeduld.
  • Angehörige von Minderheiten werden bei Qualifikationsmaßnahmen übergangen.

Mikro-Herabsetzungen passieren auch in Abwesenheit der Betroffenen. Manchmal werden sie als vermeintlich harmloser Witz am Stammtisch bezeichnet. Ein Sprichwort weist darauf hin: In jedem Witz steckt auch ein Körnchen Wahrheit. In unserer Betrachtung könnte es lauten: In jedem Witz steckt auch ein Körnchen Haltung des Erzählenden. 

Mikrobestätigungen stärken die Kultur

Das Gegenstück von micro inequities nennt Mary Rowe micro affirmations. Diese Mikro-Bestätigungen, bewusst eingesetzt, können eine menschliche Sehnsucht befriedigen: gesehen und gehört zu werden. Jeder Mensch braucht Anerkennung und Wertschätzung. Die Mikro-Bestätigungen wirken sowohl zwischen Führungskräften und Mitarbeiter:innen als auch zwischen Kolleg:innen.

Hier sind ein paar Ideen für Mikro-Bestätigungen, die du ausprobieren könntest:

  • Du hörst aktiv zu.
  • Du sprichst Personen mit ihrem Namen an.
  • Du bedankst dich bei einer Person für etwas.
  • Du erwähnst eine Leistung anerkennend vor anderen Personen.
  • Du beziehst dich positiv auf eine Wortmeldung einer Person.

Mikro-Bestätigungen begünstigen eine wertschätzende Organisationskultur. Wer andere bestätigt, kann sie nicht gleichzeitig herabsetzen. Mikro-Bestätigungen ermutigen Menschen mit anderen Perspektiven, sich einzubringen und entlasten sie gleichzeitig. Das fördert Diversität in der Organisation.

Mikrokommunikation fördert Produktivität

Eine Organisation kann viel dazu beitragen, die Mikro-Kommunikation zu beeinflussen. Sie stärkt damit nicht nur die Diversität, sondern auch die Produktivität. Hier sind einige Beispiele, wie das Bewusstsein aller Beteiligten geschult werden kann:

  • Schärfe deine Selbstwahrnehmung: Lerne zu erkennen, in welchen Situationen du jemanden herabsetzt bzw. bestätigst. Mach dir deine unbewussten Vorurteile bewusst.
  • Organisiere Trainings: Mitarbeiter:innen lernen, Herabsetzungen zu erkennen und zu verhindern.
  • Bilde “Active Bystanders” aus: Diese Personen übernehmen die Aufgabe, aktiv zu einer bestätigenden und wertschätzenden Organisationskultur beizutragen.

Immer mehr Unternehmen erkennen die Bedeutung von Mikropolitik und ihren Einfluss auf Diversität und Leistungsfähigkeit. Besonders wichtig sind mikropolitische Instrumente bei Transformationsvorhaben. Mikropolitische Analysen schärfen den Blick für Verhärtungen und Widerstände. 

Mikropolitik bewusst einsetzen und Diversität stärken

Mikropolitik beeinflusst Diversität im Unternehmen subtil, aber höchst wirksam. In ihrer negativen Form, den Mikro-Herabsetzungen, schadet die diskriminierende Kommunikation, weil sie die Betroffenen entmutigt und ihre Leistungsfähigkeit untergräbt. Bewusst in ihrer positiven Form als Mikro-Bestätigung eingesetzt, stärkt Mikropolitik die Diversität, weil sie die menschliche Sehnsucht nach Anerkennung und Wertschätzung befriedigt. Speziell während Transformationsprojekten lohnt es sich, Verhärtungen und Widerstände mittels mikropolitischer Analysen aufzuspüren und das Bewusstsein für Mikro-Bestätigungen zu stärken.

Willst du mehr über den Zusammenhang von Mikropolitik und Diversität erfahren? Dann melde dich einfach bei linh.dinh@fifty1.co.


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