Agiler Cargo-Kult – If you fake it, you will never make it

Haben Sie schon einmal vom Cargo-Kult gehört? Gläubige, dieser in Melanesien entstandenen Bewegung, leben in der Erwartung, dass symbolische Ersatzhandlungen zur Wiederkehr der Ahnen führen, die westliche Waren mit sich bringen sollen. Was sich exotisch bis absurd anhört, findet man heute in abgewandelter Form auch in Unternehmen.

Ein wenig Geschichte

Während des Zweiten Weltkrieges baute die US-Armee auf den melanesischen Inseln Landebahnen für Versorgungsflugzeuge und lieferte massenhaft Frachtgut (auf Englisch: cargo) wie Fertigkleidung, Konservennahrung, Zelte und Waffen an. Für die Einheimischen veränderte sich dadurch der eigene Lebensstil enorm.

Nach Kriegsende verließen die Amerikaner das Gebiet. Die Cargo-Flüge wurden eingestellt. Daraufhin begannen die Einheimischen das Verhalten der Soldaten nachzuahmen. Sie schnitzten Kopfhörer aus Holz und trugen sie in nachgebauten Flugplatztowern. Am Rande der alten Landepisten zündeten sie Feuer an, um die Positionslichter zu imitieren, alles in der Hoffnung auf die Rückkehr der Ahnen mit ihren verlockenden Waren.

Das Revival

Interessanterweise erlebt der Cargo-Kult seit einiger Zeit in westlichen Unternehmen ein Revival. Dabei geht es nicht um Waren, sondern um Agilität, die höchste Form der Anpassungsfähigkeit von Organisationen. Findige Consultants bieten rasch wirkende Instrumente an und Unternehmen hoffen auf schnelle Erfolge. Der Cargo-Kult nimmt seinen Lauf. Besonders gut lässt sich dies bei coolen Events beobachten, wo sogenannte „Agile Evangelists“ – die Hohepriester des modernen Cargo-Kults – mitreißend die Vorzüge ihrer agilen Waren anpreisen.

Die Ernüchterung

Tief beeindruckt davon kaufen Führungskräfte für ihre Unternehmen Agilität von der Stange und sind dann verwundert, dass diese Methoden nicht in der erwarteten Form greifen. Was ist schiefgelaufen? Sehr oft sind es nur die Kulthandlungen, die die Organisationen übernehmen. Wer aufmerksam beobachtet, erkennt das vor allem an der zur Schau getragenen Umtriebigkeit beim Thema Agilität.

Die Methoden werden meist formal richtig, aber mechanisch angewandt, ohne den dahinterliegenden Sinn zu berücksichtigen. Oder die Methoden erweisen sich als wirkungslos, weil die agilen Grundprinzipien verletzt werden. Die Enttäuschung ist groß, wenn prominent angekündigte agile Initiativen im Sand verlaufen oder gar auf Widerstand in der Organisation treffen.

Agil ohne Kult

Wie können Sie nun Ihr Unternehmen agiler machen, ohne dem Cargo-Kult anheimzufallen?

Hier einige Anregungen dazu:

1) WAS

Agilität ist vor allem eine Grundhaltung. Beschäftigen Sie sich damit, welche Einstellungen auf dem Weg zum agilen Unternehmen wichtig sind. Weichen Ihre gelebten Prinzipien signifikant davon ab, dann arbeiten Sie gezielt an deren Neugestaltung. Diese Veränderung geht nicht über Nacht und bedeutet oft viel Arbeit. Der Lohn dafür: ein guter Nährboden für agile Praktiken.

2) WARUM

Agilität ist nicht die Lösung selbst. Sie dient dazu, nachhaltig nützliche Ergebnisse (für Kunden) zu erzielen und diese laufend durch kleinere Anpassungen (Iterationen) zu verbessern. Nur dann haben agile Praktiken ihre Berechtigung. Die Frage „Warum brauchen wir überhaupt Agilität?“ steht somit vor der Auswahl der passenden Techniken. Kennen Sie den übergeordneten Unternehmenszweck? Was wollen Sie und Ihr Team für Ihre Kunden erreichen?

3) WIE

Prüfen Sie genau, welche Tools und Praktiken für Ihr Unternehmen wichtig und richtig sind. Lassen Sie sich dabei nicht von tollen Namen blenden. Ihre spezielle Ausgangssituation ist ausschlaggebend – und nicht ein glitzerndes Best-Practice-Beispiel.

4) WANN

Mit agilen Praktiken lassen sich komplexe und unsichere Situationen mit schnell wechselnden Anforderungen besser bewältigen. Hüten Sie sich davor, immer und überall agile Tools als Mittel der Wahl einzusetzen. Lernen Sie, Situationen passend einzuschätzen.

5) WER

Agile Praktiken erfordern crossfunktionale Teams, die selbstgesteuert und von einem (internen) Coach moderiert alle Kompetenzen bündeln, um das erforderliche Ergebnis zu erzielen. Ihre Aufgabe als Führungskraft besteht darin, die passenden Rahmenbedingungen für diese Teams zu schaffen. Das kann von der Implementierung förderlicher Strukturen und Prozesse bis hin zum Aufbau von praktischem Know-how im Team reichen.

Beginnen Sie bei sich selbst

Überprüfen Sie Ihre eigene Einstellung. Sind Sie bereit, loszulassen und Ihren Teams zu vertrauen? Hängen Sie an Statussymbolen der Führung oder können Sie Leadership als Rolle mit Dienstleistungscharakter verstehen? Sind Sie bereit, viele Entscheidungen nicht mehr bei Ihnen zu bündeln, sondern diese dort treffen zu lassen, wo die Informationen sind?

Dont’ fake it – just make it

Kurz gesagt: Agilität erfordert Mut und vor allem Hausverstand. Abseits von Buzzwords und Heilsversprechungen lassen sich mit agilen Ansätzen und der passenden Einstellung wertvolle und vor allem brauchbare Ergebnisse erzielen.

 

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